Was ist eine Zahnarztallee? – Interview mit Sebastian Srb

Sebastian Srb

Sebastian Srb

Dieser Artikel ist aus der Reihe „Wir stellen uns vor“, in der wir alle Mitarbeiter im Palasthotel einmal vorstellen möchten. Die Interviews hat Ute Mündlein geführt und verschriftlicht, mit der wir ganz besonders gerne zusammen arbeiten. Wir veröffentlichen die Texte „in order of appearance“ der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Firma.

Weißt du, was Zahnarztalleen sind? Bis vor dem Interview mit Sebastian kannte ich diesen Begriff nicht, und wir wären auch gar nicht auf das Thema gekommen, hätte es nicht diese Verwechslung gegeben … 

Der norddeutscheste aller Süddeutschen – mehr dazu gleich zu Beginn – hat überhaupt viel Spannendes zu erzählen: Er ist Podcaster der ersten Stunde, hat einem alten Röhrenradio mit einem Raspberry Pi neues Leben eingehaucht und noch einiges mehr. Viel Spaß beim Lesen.

Sebastian, dein Hamburger Kollege Arne hat dich als den norddeutschesten Süddeutschen bezeichnet, den er kennt. Wie das?  

Nicht nur er. Ein Kumpel, der ursprünglich aus Husum kommt, meinte, ich würde extrem gut nach Norddeutschland passen, weil ich eher ruhig und zurückhaltend bin, nicht so laut und forsch wie jetzt die „typischen“ Süddeutschen; anders als auch meine Familie, die wohl dem süddeutschen Klischee entspricht: sehr laut, sehr fröhlich.

Empfindest du das so?

Klischee eben; hier der lustige, laute Bayer und da der ruhige Norddeutsche. Und natürlich gibt es hier wie dort Leute, die anders sind. Ich wohne jetzt seit 2019 in Hamburg, die Menschen, die Mentalität kommen mir viel mehr entgegen als München oder Bonn, wo ich studiert habe.

Gutes Stichwort. Du hast einen spannenden Lebenslauf: Du warst Journalist und hast danach noch Medieninformatik studiert …

Nach dem Fachabi 2006 wollte ich irgendwas mit Medien machen und hatte mir zwei Studiengänge rausgesucht, unter anderem Technikjournalismus in Bonn. Damals hatte ich nebenbei Computerspiele rezensiert, und schreiben fand ich schon immer gut. Das Studium war entspannt und rückblickend in der Tat sehr hilfreich, und es war sogar noch ein Diplom-Studiengang.

Mit wenig Ressourcen aus dem Nichts Dinge erschaffen

Warum war das Studium hilfreich?

Ich habe dort eine Menge an Medienkompetenz gelernt; ich finde, das bräuchte man auch an Schulen, Stichworte kritisches Hinterfragen und Quellen deuten: Wie ist ein Text geschrieben? Welche Agenda versucht der Autor/die Autorin eventuell „durchzudrücken“? Überhaupt: Wie funktioniert das ganze Mediengeschäft?

Danach habe ich ein zweijähriges Volontariat bei Teleschau absolviert, einem Mediendienst in München, so was wie die dpa nur für Medienthemen. Statt politische oder Wirtschaftsthemen eben Unterhaltung wie Filmrezensionen, Musik, viel TV. 

Nach dem Volontariat wollte ich dort nicht weiterarbeiten und habe nach ein paar Monaten Pause beschlossen, noch Medieninformatik an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu studieren.

Warum?

Ich konnte vor dem Medieninformatik-Studium zwar auf WordPress Sachen veröffentlichen, war aber auf andere angewiesen, die mir das schön machen oder irgendwelche Dinge bauen. Ich wollte das gerne selbst können. Heißt, mit wenig Ressourcen aus dem Nichts Dinge erschaffen und nach meinen eigenen Wünschen formen können. Ein bisschen wie Kunst. 

Ich habe beispielsweise Ideen für Computerspiele, bei denen ich das Gefühl habe, die sind nur für mich selbst. Allein, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, das umzusetzen, ist für mich wahnsinnig faszinierend.

Wie ging es weiter?

Bei Palasthotel habe ich dann 2018 ein Praktikum absolviert, als Werkstudent weitergearbeitet und bin 2019 nach Hamburg gezogen und arbeite seitdem im dortigen Büro.

An welchen Projekten hast du beim Palasthotel bislang mitgearbeitet?

Mein Einstieg war beim „Werde Magazin“, ein Online-Magazin von Weleda. Für mich immer noch visuell eines der schönsten Projekte, fantastische Bilder, tolle Texte. 

Außerdem gehöre ich zum Team, das die Heinrich-Böll-Stiftung betreut. Ein riesen Projekt, bei dem ich wahnsinnig viel lernen konnte.

Dann LobbyControl, Aktion Agrar, ProAsyl und Campact. Mir gefällt, dass die Projekte für einen Zweck arbeiten, hinter dem ich stehen kann. Außerdem, dass man mit dem, was man weiß, eine Plattform für sie bauen kann, die es ihnen so einfach wie möglich macht, ihre Message zu verbreiten und ihre Arbeit zu ermöglichen

Hilft es eigentlich, dass du Journalist warst?

Ja, es hilft, die Gegenseite besser zu verstehen, etwa wie Journalisten arbeiten und wie sie mit Technik umgehen. Nicht bloß Journalisten, sondern Menschen, die eigentlich nicht mit Technik arbeiten wollen, aber müssen. 

 Ich kenne genügend, die sich die 90er-Jahre zurückwünschen, als man am Computer geschrieben hat; mehr nicht. Das wurde dann ausgedruckt und in einer Zeitung oder Zeitschrift veröffentlicht. 

 Ich erinnere mich noch, als mir einer sagte, für dies und das gäbe es ein Plug-in, und ich mir dachte, keine Ahnung, was ein Plug-in ist. Wenn dir dann einer erklärt, das macht das und funktioniert so, hilft das total. 

 Aus der Zeit weiß ich, dass man es Menschen so einfach wie möglich machen muss.

Ganz früh beim Thema Podcast dabei

Du hast auch einen Podcast zum Thema Videospiele gemacht. Worum ging es da genau? Wie hieß der? Ich habe nichts im Netz gefunden.

Nee, das ist alles depubliziert. 2007/2008 war das. Es ging darum, wie man Geschichten in Computerspielen erzählt und wie man sie auch anders erzählen kann. 

Ich muss das ein bisschen historisch einordnen, weil sich lustigerweise die modernen Computerspiele alle in diese Richtung entwickelt haben, die wir uns gewünscht hatten. Damals waren Spiele jedoch Filmen sehr ähnlich, von der Struktur her und von der Art der Geschichten. 

In den darauffolgenden zehn Jahren gab es einen Indie-Boom, bei dem (sehr) kleine Teams wahnsinnig große Spiele gebaut haben. Mit denen fing dann eine andere Art von Geschichtserzählung an.

Du warst also ganz vorne mit dabei, was das Thema Podcast betrifft.

Ja, das stimmt. Das war die Zeit, als Twitter und Facebook neu aufkamen, viele Sachen aber auch gleich wieder weg waren. Ich dachte damals, das passiert auch mit Podcasts und finde es total großartig, dass das nie passiert ist, dass im Gegenteil sie eigentlich nur noch populärer wurden, noch besser. 

Ich hatte danach einen weiteren Podcast mit meinem Cousin, bei dem wir die meiste Zeit einfach durch die Stadt gewandert sind oder uns hingesetzt, etwas gegessen und über alles Mögliche geredet haben, Politik, Videospiele, Filme, Fußball. 

Das Besondere war, dass man auch die Hintergrundgeräusche hörte, vorbeifahrende Autos, Menschen, Hundegebell. Schon als ich Technikjournalismus studierte, liebte ich es, mit Audioformaten zu spielen. Es gibt dieses klassische Podcastformat, da unterhalten sich zwei Leute in einem stillen Raum oder per Skype. Das ist okay, aber manchmal auch sehr langweilig. Ich dagegen mag es, wenn man versucht, Dinge über Töne und Audiogestaltung aufzubrechen und spannend zu machen.

Tasten statt Touchscreens

Apropos aufbrechen: Du hast ein altes Radio mit einem Raspberry Pi gepimpt. Weil du es kannst oder hatte das andere Gründe?

Es stammt von meinem Opa und ist ein altes Röhrenradio aus den 50er-Jahren mit diesen weißen Tasten. Das ist fest in ein Sideboard eingebaut und nicht mehr wirklich funktionstüchtig. Ich fand aber die Idee charmant, aus einem biederen Radio noch etwas zu machen. 

Klar, ich hätte auch ein Smartphone oder Ähnliches reinlegen können, Bluetooth-Lautsprecher anstecken, fertig. Ich wollte aber noch die alten Tasten benutzen können. Ich liebe diese Haptik, also Tasten statt Touchscreens. 

Ich bin überhaupt ein Verfechter von Reparaturen und „Right to repair“. Es ist doch irre, dass ein Handy kaputt ist, nur weil der Akku alt ist und man ihn nicht einfach austauschen kann.

Machen wir mal einen großen Schwenk: Wenn man dir ein Jahr Zeit und entsprechendes Geld gäbe, was würdest du tun?

Ich würde mit ziemlicher Sicherheit ein Computerspiel entwickeln.

Welches Genre?

Entweder ein Point-and-Click-Adventure wie Monkey Island oder eine Wirtschaftssimulation wie Airline Tycoon oder Sim City, nur deutlich einfacher.

Warum gerade diese beiden Genres?

Da kommt wieder dieser Punkt mit Geschichten in Spielen rein. Adventure-Spiele leben eigentlich nur von Geschichten. Wenn man eine gute, stringente hat und das in ein Adventure packen könnte … 

Und Wirtschaftssimulation, weil ich hier noch wenig Spiele gesehen habe, die beides versuchen zu verbinden: Eine richtig gute Geschichte, und ich muss gleichzeitig schauen, dass mein Business überlebt.

Teilnehmer beim Quiz „Genial Daneben“

Zum Schluss noch die Frage: Du warst Set-Praktikant bei Constantin Entertainment …

Ne, ich war mal Teilnehmer bei einer Constantin-Produktion.

Aber ich hatte das auf XING gesehen …

Ach so. Es gibt noch einen Sebastian Srb, der ebenfalls aus München kommt und im Bereich Webdesign unterwegs ist. Ich habe ihn aber nie getroffen. Ich war daher nicht beim Film, sondern nur Teilnehmer beim Quiz „Genial Daneben“ auf SAT1.

Und, hast du gewonnen?

Ja, 500 Euro. Das war 2018. Wer die Sendung nicht kennt – sie läuft nicht mehr –: Zuschauer konnten eine Frage einreichen. Ein Promi-Rateteam musste dann aus drei Möglichkeiten die richtige Antwort tippen. Wurde falsch getippt, bekam man 500 Euro und wurde ins Studio für eine Finalrunde eingeladen. Da musste man selbst Fragen beantworten; der Sieger ging mit 5.000 Euro nach Hause. Das hat leider nicht geklappt.

Welche Frage hast du denn eingereicht?

Was sind Zahnarztalleen? Das waren die Antwortmöglichkeiten: 

A: Eine Allee, in der viele Birken stehen. 

B: Eine Allee oder eine Straße, in der es besonders viele Baulücken gibt. 

C: Wenn das Stromnetz häufig überlastet ist oder es zu Ausfällen kommt, weil zu viele Leute gleichzeitig ihr E-Auto laden.

Ich sage B.

Falsch, es sind tatsächlich die Elektroautos. Niemand kam bislang auf die Idee. Jeder denkt, es ergibt überhaupt keinen Sinn. Aber Stromkonzerne nennen diese Straßen tatsächlich Zahnarztalleen. Vermutlich weil Zahnärzte viel Geld verdienen und häufig E-Autos fahren. Und wenn die dann alle gleichzeitig nach Hause kommen und ihr Auto aufladen …

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