Die Welt ein bisschen schöner machen – für sich und vielleicht auch für andere – Interview mit Matthia Tiemeyer

Matthia Tiemeyer

Dieser Artikel ist aus der Reihe „Wir stellen uns vor“, in der wir alle Mitarbeiter im Palasthotel einmal vorstellen möchten. Die Interviews hat Ute Mündlein geführt und verschriftlicht, mit der wir ganz besonders gerne zusammen arbeiten. Wir veröffentlichen die Texte „in order of appearance“ der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Firma.

Die Welt ein bisschen schöner machen – für sich und vielleicht auch für andere – Interview mit Matthia Tiemeyer

Eines ist sicher: Falls die Zombie-Apokalypse irgendwann eintreten wird, Matthia ist vorbereitet: „Wenn mich jemand beispielsweise fragen würde: ‚Welche Waffe eignet sich gegen einen Zombie in einem großen vs. engen Raum‘, könnte ich Empfehlungen geben“. 

Im Interview haben wir aber nicht nur darüber geredet, sondern viele Schwenks gemacht: Comics, Kreativität, ihre Liebe zu Japan, ihr Influencer-Intermezzo und eben Zombies.

Matthia, du hast Grafikdesign studiert, wie kam es dazu?

In der Grundschule wollte ich Comic-Zeichnerin werden. Ich hatte schon früh angefangen, Comics zu lesen; zunächst amerikanische, unter anderem Spiderman, Turtles und Mickey Mouse. Zuerst habe ich die Comics gelesen und sie dann abgezeichnet, bis sie irgendwann auseinanderfielen. Später hatte ich auch eine Manga-Phase und wollte Manga-Zeichnerin werden. In der 9. Klasse hatte ich sogar beim Comic-Wettbewerb des Comic-Ladens „Neunte Kunst“ in Osnabrück mit einem kurzen vierseitigen Manga den ersten Preis gewonnen. 

Wie ging es weiter? 

In der 10. Klasse war dann der Wunsch „Mediengestalterin”; ich hatte mich sogar schon für ein Praktikum mit anschließender Ausbildung beworben. Das klappte leider nicht, da ich die Realschule absolviert habe, also zehn Jahre Schule; in Niedersachsen galt aber 12 Jahre Schulpflicht. So kam es, dass das Arbeitsamt mir zwar die Ausbildung „erlaubte“, aber nicht das Praktikum davor. 

Mein Vater ist Zahntechniker und meinte, „Zähne schnitzen“ sei auch kreativ. So habe ich mich zwei Jahre durchgequält, aber die Ausbildung schweren Herzens abgebrochen und stattdessen die FOS Gestaltung besucht. Im Anschluss daran habe ich ein Praktikum bei der Neuen Osnabrücker Zeitung in der Grafikabteilung absolviert – das ging dann ja, weil ich die 12 Jahre Schulpflicht erfüllt hatte – und danach Grafikdesign in Bielefeld studiert.

Was machst du beim Palasthotel? Eingestiegen bist du in der Buchhaltung, was man ja erst mal nicht mit Grafikdesign verbinden würde. 

Nach dem Studium habe ich bei einer Agentur angefangen, mein damaliger Chef hatte mich auf der Diplomausstellung angesprochen. Mein Abschlussprojekt war ein Kinderbuch, die moderne Version von Max & Moritz. Ich hatte deren Streiche aufs Wesentliche reduziert, beispielsweise Vandalismus, Diebstahl oder Tierquälerei und in die heutige Zeit transportiert. Beim Zeichenstil hatte ich mich an Jamie Hewlett orientiert, der auch die Bandmitglieder der Gorillaz gezeichnet hat.

Für die Agentur, deren Schwerpunkt Verkaufsförderung war, sollte ich dann unter anderem Comicfiguren für Aktionen entwerfen sowie Grafikdesign, unter anderem für Aufsteller in Supermärkten. Das habe ich sechs Jahre bis zur Elternzeit gemacht und danach etwas anderes gesucht. Anne-Birga hatte das mitgekriegt und mich gefragt, ob ich mich nicht während ihrer Elternzeit um die Buchhaltung im Palasthotel kümmern wollte. In der Zeit habe ich dann angefangen, unter anderem CSS zu lernen, um nach Anne-Birgas Elternzeit bei Projekten mitzuarbeiten. 

An welchen Projekten hast du bislang beim Palasthotel mitgearbeitet?

FrauenMediaTurm, Konstruktionsbüro Jürgen, Heinrich-Böll-Stiftung, Kompetenznetzwerk Rechtsextremismusprävention und Infosperber.

Wie ist es, mit so vielen „Nerds“ zusammenzuarbeiten? Oder bist nicht selbst in gewisser Weise ein Nerd? Stichwort Brettspiele, Videospiele, Hochzeit im alten Kino. 

Absolut. Ich fühle mich im Palasthotel sauwohl und kann da total miteinsteigen. So könnte ich dir jetzt alles über das Thema Zombies erzählen. Es gibt ja den Zombie Survival Guide von Max Brooks – sehr wissenschaftlich, hilft absolut weiter. Wenn mich jemand beispielsweise fragen würde: „Welche Waffe eignet sich gegen einen Zombie in einem großen vs. engen Raum“, könnte ich dir Empfehlungen geben … (lacht) 

Und wegen meiner Computerspiel-Leidenschaft wurde ich öfters schon gefragt, ob ich einen großen Bruder habe. Nein! Das bin ich, das war schon immer so. Seitdem wir zu Hause einen Laptop mit Diskettenfach hatten, habe ich gespielt. Wobei, das erste Spiel, woran ich mich bewusst erinnern kann, war Zelda auf dem Gameboy. Davor habe ich kleinere Jump ‘n’ Runs und Point-and-Klick-Adventures gespielt.

Blondes Mädchen mit roter Brille liest ein Buch.

Videospiele, welche Genres?

Fantasy, Rollenspiele, Action Adventures, am liebsten Open-World-Sachen. Aktuell fehlt mir die Zeit, daher gerade eher Indie-Spiele, bei denen ich kurz reinspringen kann. Problem ist: Mein Mann spielt auch, wir haben daheim drei Konsolen, aber nur einen Fernseher … 

Was bedeutet Kreativität und Kreativsein für dich?

Die Welt ein bisschen schöner zu machen – für sich selbst und vielleicht auch für andere.
Wobei ich manchmal auch denke, dass man als kreativer Mensch ein bisschen den Preis dafür bezahlt, zu sensibel zu sein. Meine damalige Psychologin meinte einmal, kreative Menschen wären wie Monarchfalter: von oben ganz braun, grau und unscheinbar, von unten jedoch sind die Flügel total bunt. Das fand ich einen sehr schönen Vergleich. 

Kannst du damit leben, wenn man dir sagt, du bist kreativ, kannst du das annehmen?

Das fällt mir schwer, weil ich denke, es gibt so viele Menschen, die sind so viel kreativer als man selbst, so viel besser. Man ist nie gut genug. 

Treibt einen das nicht auch an?

Ja, total.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben? 

Sehr kindlich, immer noch sehr comichaft. Ich kann mir den schwarzen Rand (Outline) nicht verkneifen.

Was würdest du gerne zeichnen, wenn dir jemand für ein Jahr lang Zeit bzw. Geld gäbe?

Ein Kinderbuch oder Broschüre zu „Augenpflaster bei Kindern“. 

Blondes Mädchen mit roter Brille, einem Pflaster auf dem Auge und auf dem Knie. Trägt gelbe Gummistiefel.Wieso das? 

Unsere vierjährige Tochter trägt seit einem viertel Jahr ein Augenpflaster. Ich habe eine Zeichnung angefertigt, auf der sie so „rotzig“ vor einer Wand steht, mit einem Piratenpflaster auf dem Auge und einer überspitzt großen Brille. Sie steckt das alles ganz gut weg, aber es gibt Kinder, die sich sehr schwer damit tun, und es ist ein Kampf es aufzukleben. 

Ich fände es schön, wenn es ein Buch für diese kleinen Menschen gäbe und sie sich mal richtig cool fühlen könnten. 

Außerdem würde ich gerne ein Brettspiel illustrieren, so ein sympathisches, kleines Fantasy-Spiel.

Du interessierst dich auch sehr für Japan. Was fasziniert dich? Wie kam es dazu? 

Zum einen deren Form von Design. Das ist sowohl traditionell als auch modern; das Land verfügt zudem über einen unfassbaren Designschatz. Mir gefällt auch das Land, war aber leider noch nicht da. Und ich finde die Küche total spannend. Wenn man ein bisschen in die Tiefe geht, ist Sushi fast schon unspektakulär; da gibt es noch so viele andere interessante Sachen. 

Zum Beispiel?

Okonomiyaki, manche kennen das als „japanische Pizza“. Das ist Weißkohl in Stücke geschnitten, mit Ei, Mehl und Fischbrühe gemischt und angebraten. Auf diesen Teig kommt eine Art Gewürzketchup, gitterförmig darauf Mayonnaise und darauf wiederum Lauchzwiebeln und Thunfischflocken, die so dünn sind, dass sie wegen der warmen Luft auf dem Teig “tanzen”.

Ich bin auch großer Samuraifan und habe früher mit meinem Mann gerne Samuraifilme aus den 70er geguckt, die sind einfach stylisch. 

Seit einiger Zeit machst du auch Kendo, eine abgewandelte Form des ursprünglichen japanischen Schwertkampfs, wie bist du dazu gekommen?

Über eine Freundin, die das macht; ihr hat es sehr beim Thema Selbstbewusstsein geholfen. Man muss wissen, bei Kendo werden bei Angriffen bestimmte Schreie benutzt. Ohne diese Schreie, die die Trefferzone beim Gegner ankündigen, gilt der Schlag nicht. Im Dojo, dem Trainingsraum, in unserem Fall der Turnhalle, gibt es eine Etikette, die eingehalten werden muss; ganz strenge Bewegungsabläufe, die man auswendig lernen muss. 

Ich habe immer noch großen Respekt davor, aber es fasziniert mich, weil man für die Zeit des Trainings in eine komplett andere Welt eintaucht. Ich glaube, dass es irgendwann auch einen besseren Menschen aus einem macht.

Frau mit grüner Jacke und rotem Helm über dem Arm. Kleines Mädchen mit roter Brille fährt vor ihr auf dem Fahrrad.
Selbstportrait von Matthia Tiemeyer mit ihrer kleinen Tochter

Was meinst du damit?

Ich bin ein ängstlicher und nervöser Mensch. Die älteren Kendoka strahlen eine unfassbare Ruhe aus, das beeindruckt mich sehr. 

Du warst, zumindest eine Zeit lang, Influencerin. Wie kam es dazu? 

Ich liebe neue Produkte. Wenn im Supermarkt eine Sauce mit Senf-Bacon-Ananas-Geschmack im Regal steht, denke ich „voll gut, muss ich ausprobieren.“ Eine Zeit lang habe ich dann auf Instagram Produkttests veröffentlicht, unter anderem von PAEDIPROTECT (Anm.: vegane, parfüm- und mikroplastikfreie Pflegeprodukte) samt kleinen Illustrationen, wie meine Tochter sich mit deren Produkten eincremt. Der Hersteller hat mich daraufhin angesprochen und gefragt, ob ich nicht von ihrem Maskottchen, einem Pinguin, zwei, drei Illustrationen machen könnte und über die letzten Jahre wurde es immer mehr: Illustrationen für ihre Social-Media-Kanäle, Verpackungsdesign. Ich habe es aber aus Zeitgründen abgeben müssen. 

Und Influencer sein, machst du das noch weiter? 

Nee, eigentlich bin ich das nicht. Es war eine Zeit lang lustig, weil ich anderen Leuten gerne von Produkten erzähle, die ich toll finde, aber das mache ich jetzt eher im Privaten. 

 Wir werden dich also nicht auf Tiktok sehen? 

 Nein! Da hab ich nicht mal einen Account. (lacht)

 

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