Multisite-Architektur der Musikexpress-Geschwister

Dies ist ein Folge-Artikel zum Beitrag Informationsarchitekturen für Netzwerke von Sites und beschäftigt sich mit den Herausforderungen beim Aufbau der Multisite-Architektur des Musikexpress.

Der Musikexpress ist seit Jahrzehnten eine Autorität in Sachen Popmusik und Popkultur. Seit einer Weile hat das Heft mehrere ergänzende Geschwister mit verschiedenen Schwerpunkten: ME.Style für Mode, ME.Movies für Filme und ME.Urban für Hipster und Lohas. Diese vier Print-Magazine sollten jetzt auch ihre eigene Präsenz im Netz bekommen und da wir im letzen Jahr bereits den Musikexpress zusammen mit der Redaktion und dem Verlag erfolgreich relaunchen durften, haben wir uns sehr gefreut, uns auch um die kleinen Geschwister kümmern zu dürfen. Ergänzt wurden die drei durch einen vierten, reinen Online-Titel: ME.OW, ein Magazin nur für Netzthemen. Dabei stand zunächst die Frage auf dem Tapet, wie man das am besten hinbekommt.

Wie im Eingangsartikel beschrieben gibt es in Projekten wie diesem immer das Spannungsverhältnis zwischen Gemeinsamkeiten und Eigenständigkeit.

Auf der einen Seite sollte jedes Magazin natürlich einen eigenen Auftritt bekommen, dessen Anmutung die Eigenständigkeit des Heftes nach Online überträgt, schnell wiedererkennbar ist und in der Benutzung Spaß macht.

Auf der anderen Seite sollte es im Sinne der Wirtschaftlichkeit so viele technische Synergien wie möglich geben. Vor allem aber war es der Redaktion wichtig, alle Inhalte in allen Sites verwenden zu können, da viele Themen für mehr als eines der Magazine relevant ist. Das ist auch völlig logisch, weil sich die vier ja aus einzelnen Aspektes des Musikexpresses heraus entwickelt haben. Initial haben wir dabei drei Wege gesehen:

  1. Jedes der vier neuen Magazine in eine eigene Installation.
  2. Alle vier neuen Magazine in eine gemeinsame Installation.
  3. Alle vier neuen Magazine mit in die Installation des Musikexpresses.

Im Folgenden gehe ich auf die Vor- und Nachteile der drei Lösungen ein, wie wir sie vor Beginn des Projektes gemeinsam mit der Redaktion und dem Verlag diskutiert haben.

1. Jedes Magazin in einer eigenen Installation

Diese Lösung ist der „klassische Weg“ wenn man neue Websites haben möchte: Man setzt für jede Webseite ein neues WordPress auf (oder erstellt eine neue Site in einem WordPress-Network-Setup).

Vorteile

  • Maximale Freiheiten pro Magazin.
  • Bildformate können unterschiedlich definiert werden.
  • Neue Funktionen oder Anpassungen an bestehenden Funktionen können getrennt ausgerollt werden.
  • Vermutlich geringster initialer technischer Aufwand für das initiale Projekt, da auf den Musikexpress keine Rücksicht genommen werden muss
  • Dies ist die Lösung, die am engsten am Kern ist und daher vermutlich am wenigsten störanfällig.
  • Kategorien, Schlagworte können und müssen eigenständig aufgebaut und verwaltet werden.

Wichtige Fakten

  • Jedes Magazin hätte eigene Tag-Seiten für beispielsweise „Star Wars“.
  • Jedes Magazin (ebenso wie der Musikexpress) hat eigene User-Accounts und eigene Logins.
  • Jedes Magazin erhält ein eigenes Themes.
  • Wir würden trotzdem versuchen alle Magazine und den Musikexpress aus der gleichen Code-Basis zu bedienen, da zentrale Funktionen und Datenmodelle auch langfristig identisch sein sollen.

Nachteile

  • Jedes Magazin muss einzeln ausgerollt werden.
  • SEO: Eine Domain für den Musikexpress und eine Domain für jedes Magazin.
  • Eine Volltextsuche über alle Magazine ist aufwändig zu implementieren.
  • Eine gemeinsame Startseite für alle Magazine ist schwer gebaut, da die Inhalte in den einzelnen Magazinen verteilt liegen.
  • Zum Austausch von Inhalten zwischen den Magazine aber auch zum Musikexpress muss ein „Content Sharing“ implementiert werden.
  • Vermutlich der höchste Aufwand im Betrieb.
  • Geringste Synergien zwischen allen Sites.

 me-toco

2. Alle vier Magazin in einer gemeinsamen Installation, die vom Musikexpress getrennt ist

In dieser Lösung wird eine einzige WordPress-Installation (nicht als Multisite) verwendet, um alle vier Magazine abzubilden. Um die Magazine als eigenständige Site darstellen zu können, wird für jedes Magazin ein eigenes Theme entwickelt. Inhalte, Kategorien und Tags werden dabei mit einem zusätzlichen Meta-Datenfeld versehen, welches erlaubt, die entsprechende Magazin-Zugehörigkeit für diese Elemente festzulegen. Je nach Zuordnung wird der jeweilige Inhalt dann im jeweiligen Theme dargestellt.

Vorteile

  • Maximierung der Synergien zwischen den einzelnen Magazinen (aber nicht dem Musikexpress).
  • Für Tags (beispielsweise „Star Wars¡) gibt es eine Seite, auf der alle Inhalte aller Magazine einlaufen (allerdings nicht die des Musikexpress).
  • Eine Volltextsuche nur über alle Magazine ist einfach zu implementieren. (Wieder ohne die Inhalte des Musikexpress.)
  • Geringere initiale Aufwände, da nicht auf den Musikexpress Rücksicht genommen werden muss.
  • Das Risiko, dass spezielle Sonderlösungen für einzelne Magazine gebaut werden, ist gering.
  • Eine Startseite für alle Magazine ist einfach gebaut.

Wichtige Fakten

  • Alle Magazine (nicht der Musikexpress) teilen sich eine Hardware. Geht eine Site in die Knie, sind die anderen auch weg. Gleichzeitig profitieren aber auch alle Sites von einer Aufstockung der Hardware oder Performance-Verbesserungen.
  • Die Redakteure aller Magazine arbeiten in einem zentralen Redaktionssystem, mit einem Login. (Allerdings ohne den Musikexpress.)

Nachteile

  • WordPress sieht ein solches Vorgehen eigentlich nicht vor.
  • Neue Funktionen, oder Anpassungen an bestehenden Funktionen können nicht getrennt ausgerollt werden, sondern müssen immer sofort für alle Magazine entwickelt und ausgerollt werden.
  • SEO: Eine Domain für den Musikexpress und eine andere Domain für die Magazine
  • Eine Volltextsuche über den Musikexpress und alle Magazine ist aufwändig zu implementieren.
  • Bestehende Inhalte im Musikexpress müssen in die Magazine migriert werden.
  • Festlegung auf ein Set von Bildformaten für alle Magazine.
  • Es wird vermutlich ein fünftes Theme benötigt für alle Seiten, die es nur einmal gibt, wie beispielsweise Volltextsuche, Autorenseiten, chronologisches Archiv.
  • Alle Merkmale, bei denen WordPress davon ausgeht, dass es diese nur einmal pro Site gibt, müssen von Hand „auseinander programmiert“ werden. Beispiele:
    • Favicon
    • Titel der Site
    • Kommentareinstellungen
    • Webmaster-Mail-Adresse
  • Aufgrund des Theme-Umschalt-Mechanismus eventuell störanfällig

me-libertines

3. Alle neuen Magazine mit im Musikexpress

Diese Lösung ist fast identisch mit der vorherigen, nur wird diesmal alles in der bereits laufenden Musikexpress-Installation gebaut, sodass ein WordPress und eine Site nach außen so aussieht wie fünf Sites.

Vorteile

  • Maximierung der Synergien zwischen den einzelnen Magazinen und dem Musikexpress.
  • Eine gemeinsame Startseite für alle Magazine ist einfach gebaut.
  • Bestehende Inhalte des Musikexpress können umgehend und ohne Migration innerhalb der Magazine verwendet werden.
  • Inhalte können auch später einfach in mehreren Magazinen und dem Musikexpress verwendet werden.
  • Eine Volltextsuche über den Musikexpress und alle Magazine ist einfach zu implementieren.
  • Für Tags (beispielsweise „Star Wars“) gibt es eine Seite auf der alle Inhalte des Musikexpress und aller Magazine gemeinsam einlaufen.
  • SEO: Eine Domain für den Musikexpress und alle Magazine.
  • Am effektivsten im Betrieb, da Updates und neue Features sofort für den Musikexpress und alle Magazine ausgerollt werden.
  • Das Risiko, dass spezielle Sonderlösungen für einzelne Magazins gebaut werden, ist gering.
  • Die Neuentwicklung eines neuen Magazins muss hier nicht erst darauf warten, dass eine neue Site aufgesetzt wird.
  • Sollte ein Magazin beendet werden (was die Götter verhüten mögen), ist hier der Aufwand am geringsten, die Inhaltstypen wieder in den Musikexpress zurück zu integrieren.

Wichtige Fakten

  • Musikexpress und Magazine teilen sich eine Hardware. Geht eine Site „in die Knie“ sind die anderen auch weg. Gleichzeitig profitieren aber auch alle Sites von einer Aufstockung der Hardware oder Performance-Verbesserungen.
  • Die Redakteure des Musikexpress und der Magazine arbeiten in einem Redaktionssystem, mit einem Login.
  • Der Musikexpress und alle Magazine teilen sich alle Meta-Daten-Strukturen, wie Content-Typen, Kategorien und Schlagworte.

Nachteile

  • Neue Funktionen oder Anpassungen an bestehenden Funktionen können nicht getrennt ausgerollt werden, sondern müssen immer sofort für den Musikexpress und alle Magazine entwickelt und ausgerollt werden.
  • Von allen drei Lösungen ist dies diejenige, die initial den höchsten Aufwand erzeugt, da jede Entwicklung erst auf Seiteneffekte mit dem Musikexpress geprüft werden muss.
  • WordPress sieht ein solches Vorgehen eigentlich nicht vor.
  • Festlegung auf ein Set von Bildformaten für Musikexpress und alle Magazine.
  • Alle Merkmale, bei denen WordPress davon ausgeht, dass es diese nur einmal pro Site gibt, müssen von Hand „auseinander programmiert“ werden. Beispiele:
    • Favicon
    • Titel der Site
    • Kommentareinstellungen
    • Webmaster-Mail-Adresse
  • Aufgrund des Theme-Umschalt-Mechanismus eventuell störanfällig.

me-nebeneinander

Was wir dann gemacht haben

Wir haben uns gemeinsam mit der Redaktion und dem Verlag auf die dritte Lösung geeinigt, auch wenn wir da zunächst ein bisschen ein mulmiges Gefühl hatten, weil der Musikexpress selbst schon kein einfaches Setup ist und WordPress das Umwerfen des Themes, je nachdem auf welchem Inhalt man ist, eigentlich nicht vorsieht. Wir haben das dann in der Tat auch gar nicht so gemacht, sondern innerhalb des Themes des Musikexpress – welches schon ein Child-Theme eines gemeinsamen Themes von Musikexpress, Rolling Stone und Metal Hammer ist – nur einzelne Bausteine ausgetauscht. Dazu aber in einem detaillierten Blogartikel nochmal mehr. Nur soviel vorab: Es ist uns – ein weiteres Mal – sehr zu Gute gekommen, dass wir versucht haben, soviel wie möglich nach SMACSS zu arbeiten.

Die Vorteile der aktuellen Lösung sind diese:

  • Zentrale und stabile Content-Typen und Feature-Set über alle „Sites“ hinweg. (Sites steht hier deshalb in Anführungszeichen, weil es sich technisch nicht um eigene Sites handelt sondern nur um eine Menge einzelner Inhalte, die eine eigene Anmutung haben. Aus UX-Perspektive sind das aber natürlich Sites.)
  • Zentrales Redaktionssystem für alle Redakteure aller beteiligten Magazine und sehr einfache gemeinsame Nutzung von Inhalten.
  • Maximale Synergien auf technischer Seite. Praktisch alle Weiterentwicklungen kommen sofort allen fünf Sites zu Gute.

Das geht aber auch mit einer Reihe von Voraussetzungen einher, die man zuvor und jetzt im Betrieb akzeptieren muss.

  • Redaktionelle Eigenständigkeit der einzelnen Magazine ist vor allem im Rahmen der Inhalte und im Rahmen der grundsätzlichen Anmutung möglich.
  • Aber schon zentrale Meta-Daten wie Kategorien und Tags müssen gemeinsam genutzt werden, was Koordination in der Redaktion bedeutet.
  • Rollouts passiert immer auf alle fünf Sites simultan.

Nochmal in der Übersicht

Im Ausgangsartikel zur Serie hatte ich ja davon gesprochen, dass es zwei wichtige Aspekte gibt, nämlich Teilbarkeit und Wiederverwendbarkeit, die jeweils unterschiedliche Ausprägungen haben. Im Folgenden gehe ich diese nochmal durch und zeige einzelne Beispiele dafür im Musikexpress-Projekt. Dabei bezieht sich Teilbarkeit meistens auf Aspekte der Informationsarchitektur und Wiederverwendbarkeit meistens auf Aspekte der Code-Basis.

Teilbarkeit: Global und beständig geteilt

Hierunter fallen in diesem Projekt extrem viele Aspekte, da es sich ja praktisch nur um eine Installation handelt: Content-Typen, Metadaten, Grid und dessen Komponenten Container und Boxen sind praktisch alle völlig identisch.

Bemerkenswert ist zudem, dass mit dem Header auch ein zentrales Element des Designs und der User Experience über alle Sites/Themes hinweg global stabil ist.

Teilbarkeit: Global und beständig geteilt, aber lokalisiert

Hierzu gibt es in diesem Projekt als Beispiel eigentlich nur die Architektur der Themes: Die Base-Templates innerhalb des Themes teilen sich alle Magazine als Default, können dann aber überschrieben werden.

Teilbarkeit: Initial geteilt, dann aber vollständig lokalisierbar

Hierunter könnte man nur mit etwas gutem Willen die Struktur der Kategorien zählen. Jedes Magazin ist ein eigener Unterpunkt in der Kategorie-Hierarchie, kann diesen aber mit weiteren Unterpunkten versehen. Da die Magazine derzeit aber ohnehin nur sehr minimalistische Navigationswerkzeuge haben, fällt das kaum ins Gewicht.

Teilbarkeit: Geteilt und/oder dupliziert bei redaktionellem Bedarf

Hierunter fallen ganz sicher die Artikel, die bei Bedarf von der Redaktion auch auf den Startseiten der jeweiligen Magazine gespielt werden können.

Teilbarkeit: Gar nicht geteilt

Hierunter fallen v.a. die Startseiten der jeweiligen Magazine, sowie evtl. weitere von Hand gebaute Landingpages.

Wiederverwendbarkeit: Global wiederverwendbare Komponente

Wie bei der Teilbarkeit auch, ist dies der überwältigende Anteil der Komponenten: Praktisch alles wird global eingesetzt, natürlich mit Ausnahme der Themes.

Wiederverwendbarkeit: Spezialisierte Erweiterung für eine global verwendbare Komponente

In diesem Projekt gibt es gar keine solche Komponente. Ein fiktives (und nicht unrealistisches) Beispiel wäre, wenn es ein Grid-Box gäbe, die für mehrere, aber nicht alle Magazine sinnvoll einsetzbar wäre – beispielsweise eine „Ticket-Kaufen“-Box, die es erlaubt, sowohl Konzertkarten als auch Kino-Karten zu kaufen. Grid ist dabei explizit als generisches und erweiterbares Werkzeug konzipiert, so dass die Entwicklung neuer Boxen sehr schnell und geht und sie sich nahtlos in die bestehende Installation integrieren lassen.

Wiederverwendbarkeit: Spezialisierte, aber global wiederverwendbare Komponente

Auch hiervon gibt es kein konkretes Beispiel in diesem Projekt. Ein mögliches Beispiel hierfür wäre ein Plugin, das (wie beispielsweise beim Rolling Stone) zu einem Tag die letzten Forenbeiträge zu diesem Tag aus dem dazugehörigen Forum zieht und anzeigt.

Wiederverwendbarkeit: Spezialisierte, aber nur in einem Kontext benutzbare Komponente

Hierunter fallen v.a. die Themes. Diese sind jeweils für eines der Magazine entwickelt worden und nicht sinnvoll für weitere Zwecke wiederverwendbar.

Vorläufiges Fazit

Wir sind ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis, auch wenn der Weg nicht ganz unaufregend war, weil wir ja quasi in ein System, in dem jeden Tag eine Redaktion arbeitet, einfach noch vier Sites injiziert und tiefgreifende Veränderungen vorgenommen haben. Aber das Ergebnis ist auch und gerade für die Redaktion und im Sinne eines maximal effektiven Projektes und Betriebs echt toll geworden. Für die Redakteure hat sich fast nichts geändert. Es gibt eine Box, in der sie beim Artikel anhaken, zu welchem Magazin dieser gehört, und die CvD des jeweiligen Magazins haben ihre eigene Landingpage, die sie pflegen müssen. Sonst ist alles gleich geblieben. Für uns bedeutet das ein weiteres Mal, dass es sich lohnt Synergien zu maximieren und den Drang nach Eigenständigkeit in sehr klare Bahnen zu lenken.


Alle Beiträge der Serie 'Informationsarchitekturen für Netzwerke von Sites'

  1. Informationsarchitekturen für Netzwerke von Sites
  2. Multisite-Architektur der Musikexpress-Geschwister
  3. Multisite-Architektur der Heinrich-Böll-Stiftung
  4. Multisite-Architektur der Axel-Springer-Verticals

Schreiben Sie uns einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Passend zum Thema