„Die gedruckte Seite wird bald vorbei sein“ – Interview mit Benjamin Birkenhake

Benjamin Birkenhake

Dieser Artikel ist der erste aus der Reihe „Wir stellen uns vor“, in der wir alle Mitarbeiter im Palasthotel einmal vorstellen möchten. Die Interviews hat Ute Mündlein geführt und verschriftlicht, mit der wir ganz besonders gerne zusammen arbeiten. Wir veröffentlichen die Texte „in order of appearance“ der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Firma.

Die gedruckte Seite wird bald vorbei sein – Interview mit Benjamin Birkenhake

Welche Fragen soll man Ben Birkenhake stellen? Einerseits gibt es vieles, das ich schon immer wissen wollte. Andererseits bloggt Ben so regelmäßig und über so unterschiedliche Themen, dass man das Gefühl hat, man kennt Ben. Und: Er bezieht ja auch zu vielen Dingen klar Position.

Aus diesem Grunde war ich sehr gespannt auf seine Antwort auf: Wohin geht die Reise in Sachen Journalismus? Palasthotel hat ja inzwischen viele journalistische Projekte umgesetzt. Ben hat außerdem durch seine Arbeit bei Zeit Online und Axel Springer Einblicke in die Branche bekommen. Nun, er denkt, dass Print in den nächsten zehn Jahren verschwinden wird. Mehr zu den Gründen im Interview.

Was machst du bei Palasthotel?

Ich bin Gründer und Geschäftsführer, mache im Grunde aber das Gleiche wie alle anderen auch: Ich programmiere, leite Projekte, arbeite mit Kunden zusammen und kümmere mich ganz allgemein um das Wohlergehen der Firma.

„Texttechnologie hat mich all die Websachen gelehrt“

Wie ist dein beruflicher Werdegang?

Ich habe Literaturwissenschaft, Philosophie und Texttechnologie studiert und als Magister Artium abgeschlossen. Danach habe ich mich erst mit Sascha, Marcus und noch drei Freunden zum ersten Mal selbstständig gemacht [Anm. die Firma hieß Digitalkombinat]. Von dort aus bin ich erst zu Zeit Online gewechselt und dann zu Axel Springer.

Was ist denn Texttechnologie?

Programmiersprachen heißen nicht umsonst Programmiersprachen, weil da auch sehr viel Linguistik eingeflossen ist. Noam Chomsky, den viele kennen, hat in dem Bereich viel Grundlegendes gemacht. In der Linguistik gibt es seit langem einen Unterbereich, der Computerlinguistik heißt. Der beschäftigt sich mit allem, was mit Sprachverarbeitung zu tun hat. Und Texttechnologie ist wiederum ein Unterbereich der Sprachverarbeitung.

Dort beschäftigt man sich ausschließlich mit digitalen Texten, im Unterschied zur Analyse von gesprochener Sprache. Texttechnologie ist aufgekommen, als es mit den ganzen Markup-Technologien losging. Ein klassischer Anwendungsbereich von Texttechnologie ist HTML. Es wird jetzt an manchen Stellen aber wieder zurückgebaut und in die Computerlinguistik einsortiert.

Texttechnologie ist aber der Teil, der mich all die Websachen gelehrt hat, die ich heute kann.

Was hast du davon mitnehmen können?

Ich habe vor allem viel über Semantik gelernt. Das heißt, in der Texttechnologie überlegst du dir immer, wie baue ich die Strukturen auf, mit denen ich hinterher arbeiten möchte, und zwar inhaltlich. Das unterscheidet die Texttechnologie stark von der Informatik, die sich in erster Linie auf Algorithmen fokussiert und die Inhalte eigentlich ausblendet. Meine Leidenschaft für das semantic web kommt aus der Ecke.

An welchen Projekten hast du bei Palasthotel mitgearbeitet?

Wow. Das sind viele. Am intensivsten in Erinnerung geblieben sind mir Böll und der Relaunch der Musiktitel (Rolling Stone, Musikexpress, Metal Hammer).

Was würdest du gerne einmal tun? Privat/beruflich?

Einen Roman schreiben oder eine Rollenspiel-Welt erfinden und herausgeben. Das ist ja im Grunde ein und dasselbe, zumindest für mich. Deswegen habe ich ja eigentlich Literaturwissenschaft studiert.

Was magst du an deinem derzeitigen Job?

WordPress. Vielleicht liegt’s auch daran, dass ich so viel Spaß an meinem eigenen Blog habe, das ja auch auf WordPress läuft. Aber das System hat in den letzten Jahren eine tolle Entwicklung hinter sich, und es macht wirklich viel Spaß, damit zu arbeiten.

Anmerkung: Zum Zeitpunkt des Interviews ist Ben gerade dabei, sein Blog-Theme zu überarbeiten. Sein Ziel ist es, ein Theme bei WordPress.org zu veröffentlichen.

Was siehst du als Trends im Bereich Webdesign/Entwicklung/Online?

Es ist ein toller Zeitpunkt, um Webdesign/Webentwicklung zu machen,
weil drei Dinge zusammenkommen:

  1. Wir haben endlich die Bandbreite, Bildschirme und Techniken, um Designs zu machen, die mit dem Besten, was Print zu bieten hat, mithalten können.
  2. Durch die baldige Übermacht mobiler Nutzer haben wir gleichzeitig einen Hebel, um Design und Informationsarchitekturen minimalistisch zu halten.
  3. Die Redaktionssysteme, mit denen wir arbeiten, sind so mächtig und stabil wie nie zuvor und bieten tolle Werkzeuge.

„Das Verschwinden von Print ist das Wichtigste, was wir in den nächsten zehn Jahren beobachten werden.“

Ihr macht ja viele journalistische Projekte. Was hast du daraus gelernt? Gibt es Trends, Erkenntnisse gerade im Hinblick darauf, dass der Journalismus vor einem großen Umbruch steht, vor unsicheren Zeiten, in denen niemand so recht weiß, wo die Reise hingeht?

Komplexe Frage. Eine der wichtigsten Einsichten ist, dass selbst aus der technischen Perspektive Entwicklungen relativ schwer vorherzusagen sind. Ich weiß nur, dass ich 2006, 2007 fest davon überzeugt war, dass Mobile nie signifikante Traffic- bzw. Zugriffsanteile haben wird. Dann kam das iPhone – und plötzlich war alles anders.

Was ich auch mitgenommen habe: Es ist anstrengend und unfassbar kraftraubend, eine ganze Branche umzudrehen. Hier vor allem Prozesse, die in Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten eingeübt und gelernt worden sind. Die ja auch lange Zeit funktioniert haben. Die Art und Weise, wie Leute denken, die für Print produziert haben, wie nachhaltig das die ganze Weltsicht, was den Beruf angeht, prägt. Das ist sehr beeindruckend, und das gilt für mich auch noch in einigen Teilen. Ich bin ja jetzt auch nicht mehr aus einer jungen Generation, sondern jenseits der 40. Bei mir greifen inzwischen ganz ähnliche Mechanismen.

Wo die Reise hingeht?

Was man aus den letzten Jahren sehen kann, und was ich auch an meinem eigenen Konsumverhalten merke, ist, dass die gedruckte Seite bald vorbei sein wird oder nur noch als Liebhaberobjekt bleibt. Die Digitalisierung wird sich noch weiter verbessern. Schon heute sind die unterschiedlichen mobilen Endgeräte in ihrer Auflösung allesamt besser als Print und bieten gleichzeitig alle Vorteile. Alle Inhalte sind sofort verfügbar, die Distribution ist fast kostenlos. Man muss keine Remittende oder irgendetwas lagern.

Der Buchmarkt ist da gerade ein super schönes Beispiel. Meine Mutter konnte nie was mit Computern anfangen. Der Kindle ist für sie so etwas wie ein Erweckungserlebnis. Sie liest wie verrückt digitale Bücher, einfach weil die Hürde niedrig genug ist. Die Kombination aus Niedrigschwelligkeit und qualitativem Angebot wird den Großteil von Print in die Schranken weisen. Nicht, weil sich das nicht lohnen würde, sondern einfach weil die Vorteile überwiegen.

Oder es gibt Nischenprodukte, die sich sehr stark fokussieren.

Die Frage ist: Was kann man in Print noch hinzufügen zu dem, was online bietet? Oder was irgendein anderes digitales Format bietet? An manchen Stellen ist es noch so, dass die Ganzheit einer Ausgabe ein wertiges Element ist. Ich bin ja selbst Abonnent von GEO und ein, zwei kleineren Magazinen. Ich glaube, dass man auch da mittlerweile in der Lage ist, etwas zu entwickeln, was Print das Wasser reicht. Halten wird sich Print vor allem dort, wo es opulenter ist oder wo das Erreichen einer digitalen Zielgruppe schwieriger ist.

Daher: Ich glaube, das Verschwinden von Print ist das Wichtigste, was wir in den nächsten zehn Jahren beobachten werden.

Das heißt, viel Arbeit für Palasthotel, oder?

[Lacht.] Mal gucken.

Sich nicht an spezielle Werkzeuge ketten

Auf welche Tools kannst, willst du nicht mehr verzichten?

Ich bin eigentlich ziemlich unabhängig von speziellen Tools. Und genau das würde ich weiterempfehlen: Sich nicht an spezielle Werkzeuge ketten, oder um es mit den Worten von Christian Theune – dem Geschäftsführer der befreundeten Agentur Flying Circus – zu sagen: „Wir bereiten uns darauf vor, dass Technik etwas ist, das kontinuierlich ausgetauscht wird.“ Die einzige Konstante dabei: Dateien und Klartext, sprich, Text-Dateien, Markdown oder HTML.

Zum Schluss: Welche Blogs sollten andere Leute auch lesen?

Fachlich auf der Höhe zu bleiben, ist ja keine Herausforderung. Hier wird einem alles Wichtige so oder so zugetragen. Mir scheint es beruflich viel wichtiger, die richtige Einstellung zu den Dingen zu finden oder zu bewahren. Zu dem Zweck lese ich weiterhin gerne die Blogs von Dirk Hesse, Nico Brünjes, Johannes Kuhn und Caspar Hübinger.


Alle Beiträge der Serie 'Wir stellen uns vor'

  1. „Die gedruckte Seite wird bald vorbei sein“ – Interview mit Benjamin Birkenhake
  2. „Einmal englischer Nationalspieler sein“ – Sascha Hagemann im Interview
  3. Wie ist es denn, mit Alice Schwarzer zu arbeiten? – Interview mit Marcus Abel
  4. „Mehr Weißraum“ – Kim Meyer im Interview
  5. Wie man es schafft, schneller Code zu schreiben – Interview mit Enno Welbers
  6. „Nicht weit weg vom Puls der Zeit“ – Interview mit Stephan Kroppenstedt
  7. „Viel bewegen!“ – Interview mit Edward Bock
  8. Wie das Smartphone hilft, bessere Fotos zu machen – Interview mit Julia Krischik
  9. Einfach machen und anfangen – Interview mit Jana Eggebrecht
  10. Wissen wollen, was die (Entwickler)-Welt im Innersten zusammenhält – Interview mit Arne Seemann
  11. Wie ist es, mit so vielen Nerds zusammenzuarbeiten? – Interview mit Anne-Birga Niepelt

3 Kommentare

  1. Das ist lustig: „Die einzige Konstante dabei: Dateien und Klartext, sprich, Text-Dateien, Markdown oder HTML.“ vs. „Was magst du an deinem derzeitigen Job? – WordPress“, also MySQL.
    Ich weiss ich weiss 🙂

Schreiben Sie uns einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Passend zum Thema